Samstag Morgen um fünf vor Acht erreicht uns der Giessche Weckruf: Es geht los . Nach nur dreieinhalb Stunden Schlaf kann zum Glück gar keine Aufregung aufkommen. Vielmehr überwiegt zum Schluss die Hektik. Von wegen wir packen den Rucksack noch mal zur Probe am Ende wird alles reingestopft, was Platz hat. Und so viel ist das dann gar nicht. Den Rest fahren wir dann nach Zehlendorf, um es auf dem Zwischenboden unsere Zweitwohnsitzes zwischen zu lagern.
Dann geht es auch schon zum Flughafen. In der Abflughalle ist nichts, aber auch gar nichts los. Ist irgendwas passiert, fragen wir uns? Nein, aber welchen Kurztrip soll man zu dieser Jahreszeit schon machen, überall in Europa ist es ja lausig kalt.
Nach noch einem leckeren Frühstück bei Burger King heben wir ab, verlassen das graue Berlin und landen überpünktlich nach 55 Minuten im ebenso kalten aber sonnigen Brüssel. Per Zug geht es weiter nach Antwerpen alles klappt wie am Schnürchen. Wir werden so was von pünktlich im Hafen sein. Leider bleibt keine Zeit mehr Antwerpen anzusehen durchs Taxifenster sieht die Innenstadt ganz charmant aus. Der Taxifahrer jagt mit uns durch den Hafen, dessen Straßen nur durchnummeriert sind. Nach vielen, vielen Abzweigungen erreichen wir Kai 234 im Fruchthafen und sehen unser Schiff: die HORNBAY.
Wow, nun bin ich doch ganz schön aufgeregt! Mit unserem Gepäck auf dem Rücken erklimmen wir die Gangway oben werden wir von Alexander und Viktor empfangen. Unsere Stewards und offensichtlich russisch sprachig. Wir werden zu unserer Kajüte geleitet, Alexander nimmt uns noch die Pässe ab und dann sind wir alleine.
Zu erst müssen wir ein bisschen lachen, im Zimmer riecht es wie im Osten zu seinen besten Zeiten und die komplette Einrichtung ist so richtig schön End Siebziger, Anfangs Achtziger. Plastik und Plastikholz aber in die Bettwäsche ist sehr schick das Signet der Reederei gestickt.
Es gibt zwei Einzelbetten, schön zu allen Seiten durch einen Umlauf gesichert, so dass man während des Schlafens nicht heraus fallen kann. Dann zwei Schreibtische und zwei Sessel. Eigentlich ganz gemütlich. Zudem werden wir von zwei kleinen Pralinenschachteln, zwei Piccolöchen Henkel Trocken und frischen Topfblumen in Cellophanverpackung empfangen. Nach dem wir alles inspiziert haben, unsere Sachen ausgepackt haben, den Blick aus den Bullaugen genossen haben und immer noch kein Alexander oder Viktor wieder aufgekreuzt ist, machen wir uns alleine auf Entdeckungstour.
Das Schiff hat insgesamt fünf Decks, die wir betreten dürfen. Das erste Deck von unten erreicht man über die Gangway und hier befindet sich auch die Messe mit der Bar. Nebendran ist noch ein Fitnessraum. Auf dem zweiten Deck sind die Kajüten der Mannschaft, auf der dritten Ebene unsere Kajüte und die unserer Mitreisenden (insgesamt 6 Leute). Auf unserer Ebene sind zudem ein Aufenthaltsraum und die Sauna. Auf der vierten Ebene sind die Räume der Offiziere und die Bibliothek. Ganz oben ist dann die Brücke. Von dort aus sieht man über ein Meer von Containern, die Bugspitze ist nicht auszumachen. Da treibt uns unsere Neugier aber natürlich sofort hin. Unter Reihen von leeren Containern hindurch, gelangen wir zur Spitze und können die Ankerkette bewundern. Alleine ein einzelnes Kettenglied ist so lang wie mein Unterarm und wiegt sicherlich mehr als mein Rucksack. Von dort beobachten wir auch, wie die letzten Container mit langen Stangen an Deck verschraubt werden. Was sich noch alles im Bauch des Schiffes befindet, können wir leider nicht entdecken. In den lauten und stinkenden Maschinenraum trauen wir uns noch nicht rein. Dafür entdecken wir aber am Heck des Schiffes das Außenschwimmbad. Noch ist es leer aber ich hoffe wirklich sehr, dass es spätestens auf Höhe der Azoren mit Wasser gefüllt wird und ich noch ein Bad darin genießen kann.
Nach dieser Erkundungstour ist uns so kalt, dass wir in die Kabine flüchten. Bis zum Dinner nutzen wir die Zeit, um in Ruhe und zu zweit auf unser Vorhaben anzustoßen und den dafür mit gebrachten Schampus zu leeren.
Um halb acht ist es dann Zeit zum Abendessen, die Bar ist bereits ab sieben geöffnet und es gibt frisches Bier vom Fass. Für nur 1,20 Euro. Zur Vorspeise gibt es einen Tomatensalat serviert von Viktor auf Tellern mit dem Signet der Hornlinie. Dann gibt es gegrillten Lachs und Kartoffelbrei. Ich gebe mir Mühe und probiere zwei Bissen. Es ist nicht so unlecker aber hat Gräten. Ich kann mich mit dem Fisch heute nicht anfreunden. Das fällt aber auch gar niemandem so sehr auf, alle wollen lieber raus wir legen nämlich ab.
Mit der Unterstützung von zwei Schleppern und einem belgischen Lotsen an Bord legen wir ab, um gleich darauf in eine Schleuse einzufahren. Hier machen wir fest und warten darauf, dass noch drei weitere Schiffe in die Schleuse einfahren. Bei der Größe der Boote dauert das natürlich alles ewig. Ist nichts mit schnell mal zwei Festmacher überwerfen. Nein, hier stehen je zwei Männer am Heck und Bug an Land und nehmen Wurfleinen an, mit denen sie dann erstmal die richtigen Festmacher an Land ziehen. Und die scheinen richtig zu ackern. Mit dem Festmachen in der Schleuse geht der erste Lotse von Bord und verschwindet im Lotsenhaus; zum Billard spielen. Nachdem auch die anderen drei Boote fest sind, wird hinter uns die Schleuse zu geschlossen und wir sinken ca. 7 Meter in die Tiefe. Dann kommt der nächste Lotse an Bord. Durch die vom Vollmond und von den Feuern der Raffinerietürme beleuchtete Nacht lotst er das Schiff durch das Fahrwasser Richtung offenes Meer. Das macht er mit nüchternen Zahlen: three three five. Was vom Rudergänger wiederholt wird: three three five. Wir bewegen uns langsam nach links. Three three zero Three three zero antwortet der Rudergänger und wir bewegen uns noch ein Stück nach links. So geht es bestimmt eineinhalb stundenlang, bis es kurz vor elf Uhr nachts und wir beide hundemüde sind. Dann verlassen wir die Brücke. Etwas kalt aber sehr glücklich schlafen wir wie die Steine ein trotz des doch ganz ordentlichen Lärms der Maschine und des doch nicht wenigen gleichmässigen Rollens unseres Schiffes.(ch)