Wieder auf See

(19.01.2009 CH) Nach dem uns ein freundlicher, aber wie ein Clochard aussehender Taxifahrer wieder in den Hafen zurückgefahren hat, machen wir noch eine kleine Erkundigungstour. Neben uns am Kai liegen mittlerweile drei riesige Containerschiffe, die entladen werden. Für den Herrn Ingenieur ist das ja alles nicht so spannende, da schon hundert Mal im Studium durchgekaut, ich find’s aber total faszinierend mit welcher Geschwindigkeit die Container von Bord gehoben werden und an Land gleich darauf von den Trolleys eingesammelt werden. Überall piept und blinkt es und ständig schwebt ein Container über unseren Kopf.

charlet vor schiffchen tom vor schiffchen hornbay von hinten vor der hornbay

Auch die Hornbay wird entladen. Am Abend ist gerade noch eine Reihe Container auf Deck, nur unter Deck gibt es angeblich ein paar Traktoren.

Da uns nach dem Tag durch das kalte, unerfreuliche Le Havre stiefeln ganz schön kalt ist, legen wir einen Saunagang ein. Von Alexander bekommen wir ein paar Saunahandtücher und schon geht es los. Leider sind aber noch alle Türen auf unserer Etage versiegelt, so dass wir uns nicht draußen sondern nur unter der Dusche abkühlen können. Tagsüber waren vier Zollbeamte da, die jede Tür versiegelt haben, damit keine fremden Passagiere und Produkte an Bord kommen.

Nach der Erfrischung in der Sauna gibt es schon wieder Abendessen und pünktlich um acht Uhr beginnt das Ablegemanöver. Zusammen mit den anderen Passagieren beobachten wir die Hafenausfahrt von der Brücke aus.

brücke speisesaal

Sobald wir den Hafen verlassen haben, geht ein ordentliches Rucken durchs Schiff und nun bemerken wir den Wind, der hier draußen geht. Schlagartig beginnt das Schiff zu schaukeln. Uns tut der Lotse jetzt schon leid, der später über die Minileiter von Bord steigen soll. Aber es kommt ganz anders. Gegen halb elf – wir sind wirklich schon sehr weit draußen, haben die letzten Tonnen des Fahrwassers hinter uns gelassen, gibt der Lotse die Anweisung die Radare auszustellen. Wir sind total verwundert aber es dauert nicht lange bis wir die Erklärung hören. Der Lotse wird per Hubschrauber abgeholt. Der Hubschrauber steht kurz hinter der Brücke und lässt sein Hebeseil runter, der Lotse hängt sich ein und keine 2 Minuten später sitzt er im Hubschrauber, die Luke wird geschlossen und der Hubschrauber dreht ab, um einen weitern Lotse von Bord des hinter uns ausgefahrenen Schiffes abzuholen. Wahnsinn.

Nun wird auch das Radar wieder angeschaltet und Kapitän und Navigator beugen sich immer wieder über die Karte. Ja, es gibt hier noch die Seekarte – in die auch brav alles paar Stunden unsere Position eingezeichnet wird. Wir werden nicht ganz schlau, aus dem was sie da abzirkeln und einzeichnen. Schließlich nehmen wir all unseren Mut zusammen und fragen den Navigator. Ja, es zieht ein Sturm auf, ja, wir werden in der Bucht erstmal ankern über Nacht und hoffen, dass die schlimmste Front dann an uns vorbei gezogen ist. Nun sind wir beruhigt, unserer Wissensdurst für heute gestillt und wir gehen ins Bett.

Am nächsten Morgen verschlafen wir tatsächlich wieder das Frühstück, es ist aber auch so dunkel draußen um halb acht. Nach noch einer Runde extra Schlaf, lassen wir die Gymnastikübungen aus, denn es schwankt nun wirklich schon ziemlich ordentlich. Zum Mittag finden wir uns in der Messe ein, die Spanierin kommt uns schon kreidebleich entgegen. Ohjee, hoffentlich wird mir das nicht auch bald so gehen. Nachmittags genießen wir die Sonne auf Deck. Nach dem Tee erfolgt die Sicherheitseinweisung. Wir holen alle aus unseren Zimmern unsere Schwimmwesten und legen diese auf der Brücke an. Dann erzählt uns der junge Navigator noch etwas zu der Funktion der Lampen an der Schwimmweste (meine geht natürlich nicht) und wir gucken uns die Rettungsboote an. Auf Grund des Seegangs können wir diese leider nicht besteigen, das machen wir angeblich wenn das Wetter sich gebessert hat. Nach der echt dürftigen Einweisung- naja, immerhin sitzen die englischen Begriffe und was soll man auch mehr sagen, wenn hier einer über Bord fällt, bezweifle ich, dass eine Rettung rechtzeitig kommen wird – haben wir wieder Freizeit und schlafen vermutlich ne Runde. Später gucken wir uns dann im Zimmer noch mal den Überlebensanzug an. Ob man den so schnell angezogen bekommt, bevor das Schiff sinkt? Ich weiß nicht und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen, denn noch sind wir ja dabei dem Tiefdruckgebiet auszuweichen.Mit Abendessen, Ausblick von der Brücke genießen und noch mal nach dem Kurs gucken, ist der Tag dann auch schon schnell vorbei.

sicherheitseinweisung ausblick auf den sturm oberdeck im sturm

Den nächsten Morgen verschlafe ich wieder komplett. Ich wache zwar mehrmals auf aber es zieht mich nichts in die Senkrechte und mein Mund gähnt ununterbrochen, so dass ich noch mal wieder einschlafe. Später spielen wir eine Runde Tischtennis im Freizeitraum aber die Schaukelei macht es nicht einfach, wo wir doch sowieso schon keine Profis sind, den Ball zu treffen. Auf der Brücke hat der zweiter Kapitän nun auch den Windmesser, nach dem wir ihn anderntags gefragt hatten, gefunden: 34 Knoten, also eine gute 7, fast schon 8 Windstärken. Dat ist ordentlich. Dann zeigt er uns auch noch, wofür der Container des Deutschen Wetterdienstes aus Hamburg, den wir am Heck mitfahren gut ist. Drei Mal am Tag steigt hier ein weißer Luftballon auf. Wahrscheinlich hängt ein Sensor dran, der die Wetterdaten aufnimmt und nach Hamburg schickt. Wir gucken uns auch regelmäßig die Wetterkarte an – aber das sieht nicht so gut aus, ein Tief ist gerade über uns rübergezogen und auf das nächste Fahren wir auch schon zu. Also wird es in den nächsten Tagen wohl nicht weniger mit dem Schwanken. Puhhhhh.

Zum Mittagessen sind wir schon deutlich dezidiert, einige haben keinen Hunger wegen der Schräglage, anderen ist es einfach zu viel des Essens. So kommt es aber dazu, dass die Mama, wie sie vom Holländer genannt wird, uns erzählt, dass sie ein Segelboot in Chile hat. Tja, so kriegen wir nach und nach die Lebensgeschichten unserer Mitreisenden zu hören.

Nun ist der Augenblick gekommen, um unseren Sextanten zusammen zubauen. Nach zwei Stunden in der Bibliothek – Tom klebt zusammen und ich lese die Anleitung vor – sind wir immer noch nicht ganz fertig. Ich aber schon und so verziehe ich mich wieder eine Runde ins Bett, das Geschwanke macht mich derart müde und tumb, es ist unglaublich. Zum Abend hin, wird es kurzfristig etwas weniger und ich nutze die Zeit zum Duschen. Gar nicht so einfach mit einer Hand sich die Haare zu waschen und ständig muss man auf der Hut sein, dass man nicht  irgendwo gegen gedonnert wird.

Zur guten Nacht gucken wir noch der Schuh des Manitu im Fernsehraum und dann beginnt eine verdammt unruhige Nacht. Zuerst fliegt irgendwo auf dem Gang eine Tür auf – und es donnert laut vor sich hin, bis Elisabeth, die Schweizerin und ich ein Erbarmen haben, aufstehen und uns davor wieder treffen. Gegen Morgen gibt es dann einen ordentlich Schlag in unserem Zimmer: die Kleiderschranktür ist einmal auf und einmal zugedonnert und beim zweiten Mal aufgehen, hat es sie direkt aus der Verankerung gerissen und auf Toms Fuss gedonnert, der gerade aufstehen wollte, um sie zu schließen. Krass, welche Kräfte hier walten. Zu allem Überfluss fliegt auch noch der Schreibtischsessel um, ich bin bedient und lasse mich erstmal wieder in die Kissen sinken. Das ist noch nichts für meinen matten Bauch und Kopf. 

Zum Mittag hin beruhigt sich die Lage und wir beobachten lange von der Bibliothek aus die See. Nachmittags spielen wir noch eine Partie Tischtennis, halten von der Brücke Ausblick und schon ist wieder ein Tag vorbei. Ich hätte niemals gedacht, dass mit Schlafen, Meer beobachten und einem Plausch nach dem Essen so schnell die Zeit vergeht! Ah, wir probieren noch die Waschmaschine aus, die es für die Passagiere gibt. Wunderbar – ich hatte schon keine langärmeligen T-Shirts mehr. Es ist zwar schon warm draußen aber doch noch nicht so warm wie gehofft.

Am nächsten Morgen ist es endlich etwas ruhiger, wir steigen wieder in unser Fitnessprogramm ein: 15 min Radeln und 15 min auf dem Laufbahn. Joggen kann man es nicht nennen, man muss sich unbedingt festhalten, denn das Schiff schwankt immer noch viel zu sehr, als das man freihändig laufen könnte. Auch so hat man schon genug das Gefühl das man Berge hoch und runter laufen würde.

Zum Mittagessen erfahren wir, das heute Abend die Welcome-Party auf dem Programm steht. So vergeht der Nachmittag auch wie im Fluge mit einem kleinen Mittagsschlaf und den Beobachtungen von der Brücke. Es ist schon unglaublich, wie lange man einfach den Kopf in den Wind strecken und beobachten kann, wie sich die Spitze in die Wellen senkt, wir uns leicht nach backbord und dann nach steuerbord neigen und das Spiel dann von neuem beginnt. Eigentlich sieht immer alles gleich aus, bis natürlich auf den Himmel aber auch bei einem 360° Panorama sieht man immer mal wieder dieselben Wolkenformationen. Heute allerdings ist es anders: wir nähern uns nämlich den Azoren. Und tatsächlich – um kurz nach sieben Uhr abends ist es soweit: Auf der Steuerbord-Seite sind Lichter zu erkennen und die Kennung des Leuchtfeuers, welches wir sehen, stimmt mit dem in der Seekarte verzeichneten überein. Aber wie schade, das einzige Fleckchen Land, was wir in 10 Tagen sehen, zieht nun während der Welcome Party im Dunkeln an uns vorbei. Unten in der Messe ist alles festlich in rot gedeckt, die Sitzecken der Bar sind zu einer großen zusammengefasst worden und die Offiziere sitzen schon in gestärkten weißen Hemden und gestriegelten Haaren parat. Zur Begrüßung bekommen wir alle ein ordentliches Glas „Wasser“ von Sergej eingeschenkt – bevor Kapitän Jan mit seiner Rede beginnt, müssen wir Anstoßen. Tom und ich haben unsere Gläser natürlich sofort anständig geleert und bekommen wieder nachgeschenkt. Doch bevor wir das nächste Mal Anstoßen können, erzählt der Kapitän endlich etwas zum Schiff. Aber das wichtigste in seiner Rede ist: Cargo first! Soll heißen, hier wartet niemand auf die Passagiere sondern der Plan des Schiffes richtet sich – wie soll es bei einem Containerschiff anders sein, nach der Ladung. Das Boot gehört der Horn-Linie und wird von dieser während der Fahrt von Europa in die Karibik betrieben. Das heißt, dass wir in Le Havre Güter für die französischen Karibikinseln (Guadeloupe und Martinique) und den dritten Stopp Cartagena in Kolumbien laden. Ab dann steht das Schiff unter dem Kommando von Del Monte und es geht nach Turbo (Kolumbien ?) und Moin (Costa Rica), wo das Schiff mit Bananen und Ananas bis oben hin vollgeladen wird. Ein Drittel wird davon in Dover entladen, der Rest geht nach Antwerpen und die Reise beginnt von neuem. Auf unserer Reise sind 26 Mann Besatzung an Bord, dazu zwei dänische Techniker und 10 Passagiere (in Le Havre ist noch ein französisches Seniorenpaar hinzugekommen, die bis nach Cartagna fahren). Es gibt einen Kapitän und drei Offiziere. Diese drei Offiziere teilen sich in einem vierstündigen Wachsystem die Arbeit auf der Brücke. Ebenso sieht es bei den Technikern aus. Es gibt den Oberchef für den Motor, der wachfrei ist. Seine drei Offiziere teilen sich im 4-Stunden Rhythmus die Überwachung der Maschine. Dann gibt es an Bord zwei Köche und einen Küchengehilfen, den Barchef und die zwei Gästebetreuer (alias Service beim Essen und für die Reinigung der Zimmer zuständig). Die weiteren 12 Besatzungsmitglieder sind „fähige Seeleute“, was für mich soviel bedeutet, dass ihnen das Schwanken des Schiffes nichts ausmacht und sie dabei noch das Deck schruppen oder streichen oder Müll entsorgen können. Der Großteil der Mannschaft ist aus der Ukraine, außerdem gibt es ein paar Russen und Letten. Aber Politik gibt es an Bord nicht, die bleibt angeblich an Land. Natürlich erzählt uns der Kapitän noch einiges mehr aber vieles davon haben wir auch schon selbst entdeckt. Nach einem weiteren Prosit setzen wir uns zum Essen bei Kerzenschein. Wein wird serviert, es gibt ein 4-Gänge-Menü mit Torte am Schluss. Die Tiefkühltruhe muss wirklich eins A funktionieren, denn die Torte schmeckt tipptopp und auch das Gemüse ist immer noch frisch. Nach dem Essen geht es zurück an die Bar und wir unterhalten uns noch lange bei GinTonicAperol (noch besser als Gin Tonic) mit dem Kapitän. Er erzählt uns zum Beispiel warum Turbo offiziell nicht im Programm steht: wegen der Drogenprobleme – beim Verlassen des Hafens wird das Schiff sogar extra von Tauchern von Del Monte abgetaucht, damit kein Stoff seinen Weg nach Europa finden). Oder warum es sein kann, dass die Passagiere mal zwei Tage in Cartagna bleiben und das Schiff nach Miami fährt. Außerdem erfahren wir, dass er meistens jeweils 4 Touren macht und dann für drei Monate Urlaub bei seiner Familie in der Ukraine hat. Ja, selbst so ein altes Containerschiff bietet spannende Geschichten. Nun warten wir noch gespannt auf die Besichtigung des Motorenraums.

welcome party

Der nächste Tag vergeht angesichts der Party vom Vorabend etwas in Watte gepackt aber das Wetter ist auch immer noch nicht aufregend sonnig, der Pool noch nicht gefüllt und auch sonst steht nichts auf dem Programm außer dem nächtlichen Zurückstellen der Uhren. Zwei Stunden sind wir nun schon hintendran, wobei es auch bleibt. Obwohl wir in der Karibik vier bis sechs Stunden Zeitverschiebung haben aber der Kapitän hat scheinbar zuviel chaotische Erfahrungen gemacht mit dem Vor- und Zurückstellen der Uhren, so dass es bei diesen zwei Stunden bleibt. Gut, dass man durch zwei Stunden keinen Jetlag bekommt!

Der Sonntagmorgen beginnt wieder mit unserem Fitnessprogramm, mittlerweile sind morgens schon alle ganz wild darauf, den Fitnessraum nutzen zu können, ein zweites Fahrrad würde sich gut machen. Danach geht es zur Abkühlung in den Pool, der endlich mit Meerwasser gefüllt ist. Klein und salzig und frisch ist es aber doch unbedingt den Sprung wert! Mal sehen, wann es uns die ersten anderen nach tun werden.

erster sprung in den pool 

Den Nachmittag verbringen wir an Deck. Leider ohne Sonne, dafür kann man schon bei ganz angenehmen 23° draußen auf Deckchairs sitzen. Aber es ist einfach so verdammt laut. Wir nehmen kurzfristig mal reissaus zur Spitze des Schiffes. Aber da wir uns für diesen Gang immer beim Wachhabenden Offizier abmelden müssen, ist eine Lesepause dort vorne auch nicht wirklich möglich. Nun ist es auch schon wieder Zeit für Kaffee und Kuchen, heute gibt es Butterkuchen – schmeckt fast wie zu Hause in Norddeutschland und ist scheinbar das Lieblingsrezept des Kochs.  

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